Skip to main content

Full text of "R. Schmidt, Über Proteinkörpertherapie (1916)"

See other formats


Nr. 7. 


Wien, 13. Februar 1916. 


XII. Jahrgang. 


Medizinische Klinik 

Wochenschrift für praktische Ärzte 


redigiert von 

ProftoMO* Dr. Kort Brandenburg 

Berlin 


Verlag von 

Urban & Schwarmenberg 
Wien 


INHALT: Klinische'Vorträge: Geheimer Medizinalrat Prof. Dr. H. Köttner, Ueber Pseudo-Aneurysmen. — Abhandlungen: Prof. Dr. R. Schmidt, 
Ceber Proteinkörpertherapie und über parenterale Zufuhr von Milch. (Mit 5 Abbildungen.) — Berichte über Krankheitsfälle and Behandlungsverfahren: 
Prof. Dr. A. Ghon und Assistent Dr. B. Roman, Zu den Infektionen mit fusiformen Bakterien. (Mit 2 Abbildungen.) Prof. Dr. F. Reiche, Bemerkungen 
r.ur Seramtherapie der Diphtherie. Dr. D. Pulvermacher, Die Therapie der Menorrhagien. — Forschungsergebnisse aus Medizin und Natur¬ 
wissenschaft: Priv.-Doz. Dr. E. Klausner, Das Anaphylaxieproblem in der Dermatologie. — Aus der Praxis für die Praxis: Prof. Dr. Walther, 
Zur Indikationsstellung bei den geburtshilflichen Operationen des praktischen Arztes. II. — Referatenteil: Uebersichtsreferat : Prof. Dr. Laugstein, 
Neuere Arbeiten über Physiologie und Pathologie des Säuglingsalters. Prof. Dr. Felix Pinkus, Harnröhrenerkrankungen, namentlich Gonorrhöe. — Aus 
den neuesten Zeitschriften. — Bücherbesprechungen. — Wissenschaftliche Verhandlungen: K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien. Militär- 
irztliche Demonstrationsabende im k. u. k. Garnisonsspital Nr. 2 in Wien. Gemeinsame ärztliche Vortragsabende in Prag. Mittelrheinischer Chirurgen¬ 
tag in Heidelberg. III. Aerztlicher Verein in Hamburg. — Berufe- und Standesfragen. — Tagesgesohlehtllche Notizen. 

Der Verlag behdlt eich da» tnutchltyUeJu Recht der Vervielfältigung und Verbreit*mg der in dieser ZeiUehrifi eum Brtehetnen gelangenden Origtnatkeitrdge vor. 


Klinische 


Aus dem Festungslazarett Breslau, Abteilung: Königliche chirurgi¬ 
sche Universitätsklinik (Direktor: Geheimrat Prof. Dr. Küttner). 

Ueber Pseudo-Aneurysmen 

von 

H. Küttner, 

Marine-Generalarzt & la suite, kommandiert als beratender Chirurg für 
Posen und Schlesien. 

Daß bei der Diagnose des Aneurysmas Täuschungen 
Vorkommen, ist dem erfahrenen Kriegschirurgen bekannt. 
Nicht allzuselten ereignen sie sich vor allem im Stadium des 
Hämatoms*)• Sind hier infolge von Resorptionsvorgängen 
Temperatursteigerungen vorhanden, ist die Schwellung beträcht¬ 
lich, fehlt bei der subfaszialen Lage des Blutergusses die 
Sugillation, so ist es bei den stets lebhaften Schmerzen, die 
das prall gespannte und deshalb oft nicht pulsierende Hämatom 
eines großen Gefäßes verursacht, begreiflich, daß Verwechs¬ 
lungen mit Abscessen Vorkommen. Der verhängnisvolle Irrtum 
entsteht besonders dann, wenn Nachblutungen in die Hämatom¬ 
höhle stattfinden und plötzlich Schwellung und Schmerzen 
unter Fieber beträchtlich zunehmen. Wird in solchem Falle 
an das Hämatom überhaupt gedacht und das Hörrohr zu 
Rate gezogen, so pflegt die Gefahr der Verwechslung be¬ 
seitigt zu sein; denn „stille“ Hämatome sind bei Verletzung 
eines großen Gefäßstammes seltene Ausnahmen, vielmehr ist 
auch bei fehlender Pulsation fast stets ein deutliches Gefä߬ 
geräusch vorhanden, welches die Diagnose sichert. Auch die 
Form der Schwellung ist von der des tiefen Abscesses meist 
verschieden, und die entzündlichen Erscheinungen sind stets 
viel geringer als bei einem Eiterherd von gleicher Größe. 
Selbst bei wirklicher Infektion des Hämatoms wird die Ab¬ 
grenzung in der Regel gelingen, wenn sie auch wesentlich 
schwieriger ist. Nur selten muß die Probepunktion zu Hilfe 
genommen werden. 

Jedoch nicht mit dem eben geschilderten Falle wollen 
wir uns hier beschäftigen, der Ausdruck „Pseudo-Aneurysma“ 
gilt vielmehr für die Vortäuschung des fertigen, aus dem 
Stadium des Hämatoms herausgetretenen Aneurysmas, und 
zwar des arteriovenösen. Gemeint ist dabei nicht die über¬ 
aus latente Entwickelung, die dieser Verletzungsfolge eigen 
sein kann, sondern das Auftreten des für das 

*) Vergl. auch Küttner, Meine Erfahrungen in der Kriegs- 
thirargie der großen Blutgefäßstämme. ß. kl W. 1910, Nr. 5 und 0. 


Vorträge. 

arteriovenöse Aneurysma so bezeichnenden 
Symptoms, des Schwirrens, ohne daß ein 
Aneurysma vorhanden ist. 

Bekanntlich ist das Schwirren ein so charakteristisches 
klinisches Symptom, wie es wenige gibt; wer es einmal 
gefühlt und mit dem Sthetoskop gehört hat, wird es stets 
wiedererkennen. Es findet sich nur beim arteriovenösen, 
nicht beim rein arteriellen Aneurysma, ist, im Gegen¬ 
sätze zum systolischen Rauschen des letzteren, ein kontinuier¬ 
liches Geräusch mit systolischer Verstärkung und verschwindet, 
wenn nicht ungewöhnliche Zuflüsse vorhanden sind, bei cen¬ 
traler Kompression der Arterie. Auf die verschiedenen Theo¬ 
rien für die Entstehung des Schwirrens kann ich hier nicht 
eingehen, möchte nur bemerken, daß es sich im Operations¬ 
felde häufig als ein überaus schnelles, fast flimmerndes Vibrieren 
der Gefäßwand kenntlich macht. 

Dieses Schwirren ist bei allen Abarten des arterio¬ 
venösen Aneurysmas nachzuweisen. Am wenigsten deutlich 
ist es bei der arteriovenösen Sackform, dem Aneurysma vari- 
cosum, bei dem das Schwirren oft durch das Rauschen des 
mit jedem Pulsstoß in den Sack einströmenden arteriellen 
Blutes übertönt wird. Sehr deutlich ist es dagegen stets bei 
dem Aneurysma mit venösem Sack, mag es sich nun um die 
einfache arteriovenöse Fistel handeln oder um den eigent¬ 
lichen Varix aneurysmaticus, bei dem die varicöse Venen¬ 
erweiterung sich entweder auf die unmittelbare Nachbarschaft 
der Verbindungsstelle beschränkt oder große Venengebiete 
ergreift. 

Das Aneurysma varicosum mit deutlich nachweisbarer 
Sackbildung und der Varix aneurysmaticus mit beträchtlicher 
Venenerweiterung sind so charakteristische Erkrankungen, 
daß hier diagnostische Irrtümer kaum möglich sind. Viel 
leichter ereignen sie sich bei der reinen arteriovenösen 
Fistel, da hier eine Geschwulst vollständig 
fehlen kann und die Erweiterung der Vene entweder gar 
nicht ausgesprochen ist, oder sich als einfache Verbreiterung 
des Venenumfanges auf die unmittelbare Nachbarschaft der 
Verbindungsstelle beschränkt. Die arteriovenöse Fistel aber 
ist gerade bei Mantelgeschoßwunden durchaus nicht selten, 
da das kleine Projektil die fast überall unmittelbar benach¬ 
barten Gefäße, Arterie und Vene, gemeinsam durchbohrt, und 
das Blut der Arterie dann unmittelbar den Weg in die Vene 
findet, deren Saugkraft sich sehr rasch geltend macht. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITÄT OF IOWA 




















13. Februar. 


1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


171 


schwächten Sensationen des Patienten und der spätere Be¬ 
fund beweisen. Es ist eben sehr schwer, während der Ope¬ 
ration ohne Zuhilfenahme des Hörrohrs das Verschwinden 
oder Bestehenbleiben des Schwirrens sicher festzustellen. 
Während der Wundheilung aber ist aus den oben angeführten 
Gründen eine Beurteilung überhaupt nicht möglich. 

Daß die so charakteristische weite Fortleitung des 
Schwirrens, die z. B. das Geräusch eines arteriovenösen 
l’opiiteaanourysmas mitunter über der ganzen unteren Extre¬ 
mität bis zum Abdomen hinauf wahrnehmbar werden läßt, an 
mancher Täuschung Schuld ist, beweist auch der folgende Fall: 

lall 5. TäuschungüberdieLageeinesarterio- 
venösen Aneurysmas der Tibialis posterior 
durch fortgeleitetes Schwirren. 

I lan. Am 17. September 1914 Verwundung durch Dienstpistole 
d’nglücksfalli. Kleiner Einschuß an der Innen-, kleiner Ausschuß an 
der Außenseite der linken Wade, an der Grenze von mittlerem und 
oberen Drittel des Unterschenkels unterhalb des Kniegelenkes. Keine 
starke Blutung. Am 30. September 1914 wurde im Lazarett zu K. ein 
Aneurysma der Arteria poplitea festgestellt und am 7. Oktober 1914 
operiert. Die Operation war schwierig, da Musculus soleus und 
(iastrocnemius im Bereich des Hämatoms lagen. Es wurden eine größere 
Arterie und ihre Aeste unterbunden. Am 18. Januar 1915 garnison¬ 
dienstfähig entlassen. 

Als er sich im November 1915 wieder bei seinem Truppenteil 
meldete, wurde dort erneut ein Aneurysma festgestellt, und Patient zur 
Operation in das Festungslazarett Breslau, Abteilung Königliche chirur¬ 
gische Klinik, verlegt. 

Befund: Linker Unterschenkel verdickt und in den unteren 
Partien bläulich verfärbt. An der Wadenhaut erweiterte Venen. Der 
linke Fuß fühlt sich kühler an als der rechte. Keine Ausfallserschei¬ 
nungen von seiten der Nerven. Am unteren Ende der Kniekehle, auf 
die Wade übergehend, eine längsgestellte Narbe. Sehr deutliches 
Schwirren, mit der aufgelegten Hand und dem Hörrohr gleich gut 
wahrnehmbar. Das Schwirren ist am stärksten im Bereich der Opera¬ 
tionsnarbe. 

30. Dezember 1915. Operation in Aethernarkose und unter 
Blutleere. Schnitt unterhalb der Kniekehle im Bereiche der alten 
Narbe, da hier das Schwirren am deutlichsten ist. Sehr stark erweiterte 
subcutane Venen. Freilegung der Poplitea vor dem Eintritt in den 
Arcus tendineus des Musculus soleus, sie ist unverändert. Spaltung 
des Muskels und weitere Verfolgung der Arteria tibialis posterior. 
Wider Erwarten findet sich nirgends ein Aneurysma, obwohl das 


Schwirren weiterbesteht. Es wird nun, da wegen der Venenerweite¬ 
rung irgendwo ein Varix aneurysmaticus bestehen muß, unter weiterer 
Spaltung der Muskulatur die Arterie distalwärts verfolgt und schlie߬ 
lich der kleine arteriovenöse Aneurysmasack, in dessen Umgebung sehr 
stark erweiterte Venen die Operation erschweren, gefunden. Er liegt 
viel peripherer als erwartet, etwa am Uebergang der Wadenmuskulatur 
in die Sehnen in großer Tiefe, gehört der Arteria und Vena tibialis 

g jsterior, nicht der Peronea an. Eine frühere Ligatur ist im ganzen 
ereiche der frcigelegten Gefäße nicht mehr nachzuweisen. Sorgfältige 
Unterbindung aller zuführenden Gefäße und Exstirpation des kleinen 
Sackes. Wegen der außerordentlichen Gefäßentwicklung blutet es 
auch nach Abnahme des Schlauches noch stark, doch gelingt es nach 
zahlreichen Ligaturen, die Wunde bluttrocken zu machen. Schicht¬ 
weise Naht ohne Drainage. 

Glatte Heilung. Am 20. Januar 1916 mit guter Funktion ver¬ 
legt. Das Schwirren ist nicht mehr vorhanden. 

Hier war das arteriovenöse Aneurysma von dem ersten 
Operateur dort gesucht worden, wo das Schwirren am deut¬ 
lichsten war, nämlich am unteren Ende der Kniekehle, ln 
Wirklichkeit lag es, wie ich durch die zweite Operation fest¬ 
stellen konnte, viel weiter peripher am Uebergang der Waden¬ 
muskulatur in die Sehnen, und das Schwirren war hier viel 
weniger deutlich, weil dicke Muskelmassen das Aneurysma 
überlagerten. Hätte mich nicht die erhebliche Venenerweite¬ 
rung veranlaßt, an der Diagnose eines Varix aneurysmaticus 
festzuhalten und die Arteria tibialis posterior immer mehr 
distalwärts zu verfolgen, so wäre der Fall ungeklärt geblieben 
und hätte als weitere Beobachtung eines Pseudoaneurysmas 
figuriert. 

Fassen wir zusammen, so ergibt sich, daß in sehr 
seltenen Fällen eigentliche Pseudoaneurysmen Vorkommen, 
bei denen das Schwirren durch abnorme Schlängelung der 
Arterie bei verkürzter Extremität, vielleicht auch durch nar¬ 
bige Verziehung und Verengerung des Gefäßrohres her¬ 
vorgerufen wird. In der Mehrzahl der Fälle aber liegen 
Täuschungen vor, in Wirklichkeit besteht an anderer, oft weit 
entfernter Stelle im Verborgenen ein echtes arteriovenöses 
Aneurysma, dessen Schwirren über große Strecken fort¬ 
geleitet und aus anatomischen Gründen an entfernter Stelle 
deutlicher vernommen wird als am Orte seiner Entstehung. 


Abhandlungen. 


Aus der I. deutschen medizinischen Klinik in Prag 
(Vorstand: Prof. Dr. R. Schmidt). 

Ueber Proteinkörpertherapie und Aber parenterale 
Zufuhr von Milch 

von 

Prof. Dr. R. Schmidt. 

Seitdem die Prinzipien der Immunitätswissenschaft zu 
therapeutischen Gesichtspunkten geworden sind, hat sich 
immer wieder von neuem die Fragestellung aufgedrängt, ob 
diese oder jene specifische Behandlungsmethode (Vaccine, 
Tuberkulin, Serum) wirklich in vollem Ausmaße specifisch 
sei oder ob ihnen nicht eine mehr minder unspecifische 
Quote in ne wohne und ob sie nicht vielleicht in ihrer bio¬ 
logischen Wirkungsweise sogar substuierbar seien durch un- 
specifische Aequivalente. 

Es wurde — bildlich gesprochen — die „Sehlüssel- 
Sehloßwirkung“ vielfach bezweifelt und an eine Art „Stemm- 
eisen-Türwirkung“ gedacht, wobei ganz besonders unspe- 
eitische Proteinkörper als wirksam in Betracht kamen. 

So behauptete 1895 Matth es (1) sämtliche Reak¬ 
tionen des Tuberkulins mit Deuteroalbumosen hervorrufen zu 
können und er sprach sich dahin aus, daß der immerhin 
frappante Unterschied in der schon wirksamen Dosis von 
Tuberkulin einerseits und Deuteroalbumose andererseits und 
die oft auffallende Potenz auch kleinster Tuberkulinmengen nur 
durch Beimengung eines sehr giftig wirkenden Peptons be¬ 


dingt sei. Wenn diese Auffassung, von unseren heutigen 
Gesichtspunkten gesehen, auch über das Ziel hinausschießt, so 
wohnt ihr immerhin ein gewisses Maß von Wahrheit inne. 
1893 trat Eugen Frankel für eine Isovaccintherapie bei 
Typhus ein. Noch im selben Jahre behauptete Rumpf mit 
Pyocyaneus-Vaccin ganz identische Erfolge zu erzielen und 
stellte so die Specifität der Typhusvaccine in Zweifel. Erst 
vor kurzem hat R. Kraus (2) diesen Gedanken wieder auf¬ 
genommen und über sehr günstige Erfolge einer Colivaccin- 
behandlung bei ganz verschiedenartigen Mykosen (Sepsis, 
Typhus usw.) berichtet. In jüngster Zeit hat L ü d k e (3) 
den Weg, der von der Iso- zur Heterovaccine führte, weiter¬ 
gehend die intravenöse Zufuhr eines Merck sehen Deuteroal- 
bumosen-Präparates in Fällen von Typhus empfohlen. Er 
berichtete über günstige Erfolge in 22 Fällen von Typhus bei 
Anwendung einer zirka 4%igen Lösung. Vor kurzem hat 
auch mein Assistent G. Holler, derzeit Chefarzt einer 
Militärstation in Leipnik, in einem Vortrage über anscheinend 
günstige Erfolge der Lüdkeschen Albumosenbehandlung 
bei den verschiedensten Infektionsprozessen, wie Typhus, 
Fleckfieber, Tetanus, Diphtherie berichtet. 

Es ist weiterhin zur Genüge bekannt, daß vielfach auch 
zum mindesten die ausschließlich specifische Wirkung ver¬ 
schiedener Heilsera bezweifelt wurde, und man darauf hin¬ 
gewiesen hat, daß günstige Wirkungen auch mit nativen, nicht 
präparierten Seris, sich erzielen lassen. 

Andererseits wurden eben von diesem Gesichtspunkte 
aus auch specifische Sera, z. B. Diphtheriesenun als nicht 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSUM OF IOWA 



172 


191G — MEDIZINISCHE KLfNIK — Nr. 7. 


13. Februar. 


speeifisch bei ganz verschiedenen Krankheitsprozessen wie 
Hämophilie, Erysipel usw. verwendet. 

Bekannt ist die v. Wagn ersehe (4) Tuberkulinbehand- 
lung der progressiven Paralyse und wurde ja ei*st in aller¬ 
jüngster Zeit auch der Versuch gemacht, Frühformen der Lues 
in den Bereich der Tuberkulinbehandlung einzubeziehen. 

Es sind dies Tatsachen, welche es als dringend wün¬ 
schenswert erscheinen lassen, klinische Erfahrungen zu sammeln 
auf einem Gebiete, das man kurz mit dem Namen „paren¬ 
terale Proteinkörpertherapie“ signieren könnte. 

Bevor ich auf unsere diesbezüglichen Studien am Kranken¬ 
bette näher eingehe, möchte ich einen kurzen Ceberblick geben 
über das, was hinsichtlich unspecifiseher Serumwirkung auf 
den menschlichen Organismus bekannt ist. 

ln eingehenden Studien haben sich v. Pirquet und 
S c h i c k |f>) mit der Einwirkung von Pferdeserum auf den 
kindlichen Organismus beschäftigt und auf jene Symptome 
bingewiesen. deren Zusammenfassung mehr minder berechtigt 
von einer ..Serumkrankheit“ zu sprechen. Als auffallend wird 
betont eine gewisse Inkonstanz der Wirkung auch bei erst¬ 
maliger Injektion von Pferdeserum. 15% der mit großen 
Dosen (bis 200 ccm) behandelten Kinder zeigten klinisch keine 
Zeichen einer Erkrankung und erwiesen sich nicht selten auch 
gegen wiederholte Injektionen unempfindlich. Fieber, eines 
der Symptome der Serumkrankheit, fehlte oft. Betont wird 
gutes Allgemeinbefinden auch bei hohem „Serumfieber“. Gelenks- 
schmerzen ohne Schwellungen und auch urtikarielle Exantheme 
wurden häufig beobachtet. Mit besonderem Nachdruck weist 
v. Pirquet darauf hin, daß die Symptome der Serum¬ 
krankheit sich nicht etwa unmittelbar nach der Injektion 
äußern, sondern meist durch ein acht- bis zwölftägiges ..Inku¬ 
bationsstadium“ von der ersten Injektion getrennt sind. Wird 
die Reinjektion in einem entsprechenden Intervalle vorge¬ 
nommen, so setzen die Symptome entweder sofort, oder aber 
nach einer wesentlich kürzeren Inkubationszeit ein. Bei der 
Annahme der biologischen Aehnlichkeitsformel „Artfremdes 
Eiweiß = Infektions-Erreger“ liegt die Bedeutung der erhal¬ 
tenen Resultate klar zutage und hat ja v. Pirquet gerade 
diese interessante Seite des Problemes der Serumkrankheit 
eingehend erörtert und äußerst interessante Perspektiven er¬ 
schlossen. 

Wer immer am Krankenbette Serum oder Eiweißkörper 
überhaupt als therapeutische Agentien parenteral in Anwen¬ 
dung bringt — der Indikationsbereich ist nach den bisher 
schon vorliegenden Erfahrungen ein sehr weiter - , wird sich 
natürlich die Frage vorlegen nach dem Mechanismus der 
dadurch ausgelösten biologischen Vorgänge. Bei der Beant¬ 
wortung dieser Frage wird man nicht umhin können, das 
Gebiet von Hypothesen zu betreten; es handelt sich hier aber 
um Hypothesen, die als Arbeitshypothesen von großem heuri¬ 
stischen Werte sein können, und die andererseits den ärzt¬ 
lichen Beobachter veranlassen, auf bestimmte Symptommöglich¬ 
keiten besonders zu achten. F. Hamburger (0) gebührt 
das Verdienst, in besonders klaren und durchsichtigen Aus¬ 
führungen, auf die biologische Bedeutung der parenteralen 
Zufuhr artfremden Eiweißes hingewiesen zu haben. 

In kurzer Zusammenfassung läßt sich sagen, daß die 
allgemeine Anschauung dahin geht, daß besonders jenes Organ¬ 
system, das bei Eindringen von Infektionserregern oder von 
artfremden Eiweißkörpern morphologisch-cellulär, z. B. mit 
Leukocytose oder Leukopenie reagiert, auch mit den humo¬ 
ralen Reaktionen betraut ist. Der Abbau, die „Verdauung“ 
parenteral und parahepatal eingedrungener artfremder Eiwei߬ 
körper wird als Domäne von Milz, Knochenmark, Lymph- 
driisen und deren cellularen Produkten wie Leukocyten, Ery- 
throcyten und Hämatoblasten angesehen. Es liegen sogar 
Untersuchungen vor, welche das Tempo der Antikörperbildung 
berücksichtigen und hier der Milz eine gewisse Priorität zu- 
s< hreiben. 


Für die überragende Bedeutung des hämatopoetischen 
Systems als Ort der Antikörperbildung sprechen vor allem 
die Experimente von Pfeiffer und Marx, Wasser- 
m ann, F r i e d b e r g e r und Anderer. 

Bei Erkrankungen des hämatopoetischen Systems wäre 
demnach a priori mit Störungen in der Antikörperbildung zu 
rechnen. So wird unter anderem in einer aus Aseolis In¬ 
stitute erschienenen Arbeit (7) auf Fälle von myeloischer und 
lymphatischer Leukämie verwiesen, in welchen sowohl die 
pyrogene als auch antigene Wirkung von Typhusbacillen auf¬ 
gehoben schien und die Bildung von Agglutininen im Verlaufe 
von Typhusork rank ungen ausblieb. Es wird in dieser Mit¬ 
teilung auch die beachtenswerte Frage aufgeworfen, ob der 
Leukämiker sich auch anderen Antigenen gegenüber abnorm 
verhält. 

Was den zeitlichen Ablauf der Reaktionen nach paren¬ 
taler Einverleibung von Eiweißkörpem betrifft, so kommt nach 
Beobachtungen Abderhaldens die abbauende Fennont- 
w’irkung in zwei bis drei Tagen voll zur Geltung. Hinsicht¬ 
lich des Verhaltens von Reizstärke zu Wirkung verdient Be¬ 
achtung. daß die Heizstärke der zu supponierenden Abstoßung 
von Heceptoren im Sinne E h r 1 i c h s gewiß nicht direkt 
proportional ist, ja sogar auf einen zu starken Reiz jegliche 
Reaktion Ausbleiben kann. 

Die auf Tatsachen der experimentellen Pathologie 
fußende, von unseren hervorragendsten Immunitätsforscheru 
vertretene Anschauung, nach welcher die Antikörperbildung 
ein in humoraler Richtung sich abspielendes, celluläres Pro¬ 
blem des hämatopoetischen Systems darstellt, ist von größtem 
therapeutischen Interesse. 

Sie eröffnet die Perspektive auf die Möglichkeit einer 
elektiven Reizwirkung im Bereiche dieses biologisch so be¬ 
deutsamen Systems, welches dieser Auffassung zufolge nicht 
nur die Morphologie des Blutes, sondern auch seinen Che¬ 
mismus und seine biologische Eigenart beherrschen würde. 

So wie eine richtige Vorstellung über die Wirkungs¬ 
weise parenteral einverleibten unspeeifischen Serums und 
parenteral einverleibter Proteinkörper unerläßliche Voraus¬ 
setzung einer zielbewußten und zielsicheren Indikationsstellung 
ist, so können andererseits die empirisch gut fundierten Heil¬ 
wirkungen der Proteinkörpertherapie mit herangezogen werden, 
um in den VV irkungsmcchanismus Einblick zu gewinnen. 

Es empfiehlt sich diesbezüglich Umschau zu halten. Von 
aseptischen Krankheitsprozessen kommen hier vor allem Blu¬ 
tungen bei H ä m o p h i 1 i e in Betracht. 

Serum und Proteinkörper überhaupt haben, parenteral 
einverleibt, enge Beziehungen zu den Koagulationsvorgängen, 
lind zwar sowohl in positivem, koagulationsförderndem, als 
auch in negativem, antikoagulativem Sinne. Höhe der Do¬ 
sierung, Art der Einverleibung, ob rasch oder langsam, 
scheinen hier eine wichtige Rolle zu spielen, und ganz ent¬ 
gegengesetzte Effekte bedingen zu können. 

Ueber günstige Erfolge einer subcutanen oder intra¬ 
muskulären Serumbehandlung berichten unter anderen 
E. Weil, Carriere, Broka, Lommel. Vielfach 
wurde humanes Serum verwendet; aber auch Rinder- und 
Kaninchenserum gelangte zur Anwendung. Pferdeserum 
scheint nicht nur in frischem, sondern auch in abgelagertem 
Zustande wirksam zu sein. Daß die blutstillende Wirkung 
dieser Serumapplikationen etwa nur auf die nach den Injek¬ 
tionen auftretende geringgradige Leukoc 3 l;ose zu beziehen 
sei, eine Annahme, die vielfach gemacht wurde, hat wenig 
Wahrscheinlichkeit für sich. Fraglich muß es auch erscheinen, 
ob das zugeführte Serum, wie E. Weil annimmt, nur im 
Sinne einer Substitutionstherapie gerinnungsfördernde Stoffe 
zuführt, da ja auch altes Serum wirksam zu sein scheint. 
Vor allem verdient aber Beachtung, daß durch ein und das¬ 
selbe Proteinprinzip sich je nach Dosierung und Art der Ein¬ 
verleibung, sow r ohl positive als negative Effekte erzielen 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UMIVERSITY OF IOWA 



13. Februar. 


1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


173 


lassen, sodaß eine ganze Reihe jener Agentien, welche als 
koagulationsfördernd therapeutische Anwendung finden, auch 
in der Liste der antikoagulativ wirkenden Mittel zu finden 
sind. So wurden als Styptica empfohlen „Propepton“, 10 ccm 
einer 5°oigen Lösung subcutan oder intramuskulär (Carnot); 
von Witte-Pepton berichtet Nolf, daß es in 5%iger Lö¬ 
sung 10—20 ccm subcutan eingespritzt, besser als Serum 
wirke. Auch Natrium nucleinicum wurde in 10°/oiger Lö¬ 
sung als intramuskuläre Injektion bei Hämophilie empfohlen. 

Diese wenigen Beispiele genügen, zu zeigen, daß einer 
der Wege, die behufs Blutstillung eingeschlagen werden 
können, durch das Gebiet der Proteinkörpertherapie führt. 

Allerdings wissen wir, daß die parenterale Einverleibung 
von Proteinkörpem im Tierexperiment, wie schon betont, 
auch in antikoagulativem Sinne wirken kann. Dosierung, Art 
der Einverleibung, auch die Individualität des Versuchstieres, 
ja selbst die Ernährungsart desselben spielen hier eine ma߬ 
gebende Rolle. So gelingt bekanntlich der Schmidt- 
M ü h 1 h e i m sehe Peptonversuch wohl beim Hunde, aber 
nicht beim Kaninchen. 

Gerinnung hemmend wirken nach C. A. Pekel- 
haring auch kleine Mengen von Nucleoalbumin und Nucleo- 
histon. Nach E. P. Picks Untersuchungen hat das mit 
Alkohol behandelte Witte-Pepton keine antikoaguliereiide 
Wirkung mehr. Unvermögen des Blutes, zu gerinnen, ist be¬ 
kanntlich eine häufige, wenn auch nicht ganz regelmäßige 
Erscheinung bei dem durch Reinjektion von Proteinkörpern 
ausgelösten anaphylaktischen Shock. 

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Serum und Pro¬ 
teinkörper parenteral ein verleibt offenbar in intimen Be¬ 
ziehungen zu dem komplexen Koagulationsproblem stehen und 
bei der klinisch-therapeutisch im allgemeinen üblichen niedrigen 
Dosierung und langsamen Einverleibung, subcutan oder intra¬ 
muskulär. meist in koagulationsförderndem und blutstillendem 
Sinne zu wirken scheinen. Es liegt wohl nahe hierbei an 
die Möglichkeit von Reizwirkungen im hämatopoetischen Sy¬ 
stem zu denken. Die oft rasche Aufeinanderfolge einer posi¬ 
tiven und negativen Phase, die kurze oft nur nach Stunden 
messende Dauer der Wirkung würde an andere in kurzer 
Dauer und rascher Aufeinanderfolge sich abspielende, in ihrer 
Hiebtung entgegengesetzte Pendelausschläge denken lassen, 
wie sie bei sicheren Reizwirkungen auftreten, so an die Auf¬ 
einanderfolge von Leukocytose und Leukopenie bei paren¬ 
teraler Proteinkörperwirkung, an Blutdrucksteigerung und Blut- 
dnioksenkung im anaphylaktischen Syndrom, Vasoconstriction 
und Yasuparalyse usw. Jedenfalls verdient volle Beachtung, 
daß der koagulationsfordernde Effekt der parenteralen Serum- 
und Proteinkörper-EinVerleihung auch durch intravenöse In¬ 
jektion hypertonischer Kochsalzlösungen, z. B. 10 ccm einer 
10" i.igen Lösung, sowie auch durch Injektion von Dextrose¬ 
lösungen sich gleichermaßen erzielen lassen. 

Im Zielbereiche einer Serum- und Proteinkörper-Behand¬ 
lung liegen weiterhin Bluterkrankungen. Hier ist 
»s nach den früheren Ausführungen durchaus natürlich, 
Heilerfolge als Resultierende einer elektiven Reizwirkung auf 
den blutbildenden Apparat anzusehen. Die Annahme einer 
Art Transplantation von arteigenem Blute, wie sie noch 
v. Z i e m s s e n vorschwebte, hat wohl schon lange keine 
Anhänger mehr. Die Erfahrungen von Esch, Busse, 
Huber. Weber und Andere lehren, daß auch mit kleinen 
Dosen intramuskulär einverleibten defibrinierten Menschen¬ 
blutes sich günstige Resultate bei schweren Anämien erzielen 
lassen. Aber auch mit artfremdem Serum (Pferdeserum), 
subcutan appliziert, wurden von französischen Aerzten gün¬ 
stige Erfolge bei Anämie und beginnender Tuberkulose erreicht. 

Anregung des Stoffwechsels, vermehrte Diurese und ge¬ 
steigerter Appetit werden als Begleiteffekte hervorgehoben. 

Gerade unter Berücksichtigung dieser letzterwähnten 
Wirkungen kann es nicht wundernehinen» wenn auch eine 


Reihe von Krankheitsprozessen, bei welchen Stoffwechsel¬ 
störungen teils sicher vorliegen, teils sehr wahrscheinlich 
sind, in den Bereich der Proteinkörpertherapie einbezogen 
wurden. Hier sei hingewiesen auf die v. Wagner sehe 
Tuberkulinbehandlung der progressiven Paralyse, auf die 
Serumbehandlung gewisser Dermatosen, auf pyrogene Ein¬ 
wirkungen mittels Natrium nucleinicum, Tuberkulin, Strepto- 
und Staphylokokkenvaccine bei multipler Sklerose, Rachitis 
und dergleichen. 

Ueberall dort, wo die klinische Erfahrung lehrt, daß 
fieberhafte Erkrankungen gelegentlich günstig einwirken, z. B. 
bei Neuralgien, subchronischen Gelenkprozessen, Dermatosen. 
Sarkomen, perniziösen Anämien, Diabetes, wird unter Um¬ 
ständen ein Versuch mit einem künstlichen Fieberersatz durch 
parenterale Einverleibung von Tuberkulin, Natrium nucleiui- 
cum, Deuteroalbumose und dergleichen, kurz gesagt eine IYo- 
teinkörpertherapie gerechtfertigt sein. In jüngster Zeit ist. 
wie schon erwähnt, Lüdke für eine Deuteroalbmnosen- 
behandlung (fortlaufend intravenöse Injektionen von 1 ccm 
einer 4%igcn Lösung) bei Typhus eingetreten und verweist 
in seiner Mitteilung auf 22 derart behandelte Fälle. Fs ließen 
sich gelegentlich unter starkem Schweißausbruch, Temperatur- 
und Pulsabfall rasche Heilungen erzielen. Allerdings soll 
noch tagelang Diazoreaktion bestanden haben, was meines 
Erachtens unbedingt gegen eine tatsächliche Beendigung des 
Infektionsprozesses sprechen würde. In drei Fällen war kein 
Erfolg zu erzielen. Der Autor tritt für eine möglichst friili- 
zeitige Behandlung ein. In einer demnächst erscheinenden 
Arbeit äußert sich mein Assistent G. Holler äußerst opti¬ 
mistisch über die von Lüdke empfohlene intravenöse» An¬ 
wendung einer Deuteroalbumose Merck, auf Grund von Er¬ 
fahrungen, die er als derzeitiger Chefarzt der militärischen 
Krankenstation in Leipnik, bei den verschiedenstem Infek- 
tionsprozessen (Typhus, Fleckfieber, Diphtherie. Tetanus) zu 
sammeln Gelegenheit hatte. Da die Deuteroalbumose Merck 
ja gewiß kein specifisches Heilmittel darstellt, ist natürlich 
a priori zu erwarten, daß, falls sie überhaupt ein therapeu¬ 
tischer Faktor bei Infektionsprozessen ist, sie nicht etwa 
therapeutisches Monopol eines bestimmten Infektionsprozesses 
sein kann. 

Für jeden, der den berechtigten Wunsch hat. mehr als 
ein handwerksmäßiger Empiriker zu sein, erhebt sich hier 
wieder die Frage nach der Art der Einwirkung. Wieder 
liegt es natürlich, wie bei der Proteinkörperbehandlung von 
hämophilen Blutungen lind anämischen Zuständen am nächsten 
an stimulierende Einflüsse zu denken, die besonders die anti¬ 
körperbildenden Organsysteme betreffen. Allerdings wird 
nach den Beobachtungen L ü d k e s die Agglutinin kurve nicht 
merklich beeinflußt und die Vorstellung abgelehnt, daß stär¬ 
kere und schnellere Antikörperbildung den günstigen Erfolg 
bedingen. Es würde ja freilich unter Umständen genügen, 
wenn etwa unter dem Einflüsse des pyrogenen Effekts die 
Bindungsenergie zwischen Antigen und Antikörper sich steigerte. 

Auf keinem Gebiete ist es vielleicht so schwer thera¬ 
peutisch klar zu sehen und das „Post“ vom „Propter“ rein¬ 
lich zu trennen, als gerade auf dem Gebiete der Infektions¬ 
krankheiten, da in der Relation „Infektionserreger: Organis¬ 
mus“ so unendlich mannigfaltige Variationen möglich sind. 
Wir haben daher bei unseren Studien, welche die Einwirkung 
artfremder Eiweißkörper auf den menschlichen Organismus 
zum Gegenstände haben, Infektionserkrankungen vorerst bei 
seife gelassen, therapeutische Knalleffekte überhaupt nicht 
angestrebt und uns auf Krankheitsprozesse beschränkt, bei 
welchen die Krankheitskurve eine mehr stetige und gewisser¬ 
maßen voraus berechenbare ist. Nur derartige Fälle sind 
vorerst geeignet, einen Einblick zu eröffnen in die Wirkungs¬ 
art parenteral einverleibten artfremden Eiweißes. In der 
Indikationsstellung konnten die bisher über Proteinkörper- 
therapie gesammelten Erfahrungen, wie ich sie im vorlier- 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UMIVERSITY OF IOWA 




174 


1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


13. Februar. 


gehenden kurz und übersichtlich skizziert habe, als Wegweiser 
dienen. 

Als Proteinkörper respektive Proteinkörpergemische 
haben bisher therapeutische Anwendung gefunden verschiedene 
Sera sowohl homologen als hetrologen Ursprunges; weiterhin 
verschiedene Nucleine tierischer und auch pflanzlicher Pro¬ 
venienz, ferner Deuteroalbumosenpräparate. Die aus der 
Werkstätte des Chemikers hervorgehenden Proteinkörper 
bieten, wenn sie auch nicht als chemische Individualitäten 
aufgefaßt werden dürfen, doch unter der Voraussetzung der 
Konstanz des Ausgangsmaterials und der Konstanz der Dar¬ 
stellungsart eine hinreichende Garantie für die Konstanz der 
Zusammensetzung. Noch größere Garantien in dieser Hinsicht 
dürfte allerdings die außerordentlich exakt und gleichmäßig arbei¬ 
tende Fabrik des Tierorganismus bieten, wenn auch beispiels¬ 
weise das Alter des Serums nicht ohne Belang zu sein scheint. 

Merkwürdigerweise fehlt es bisher an klinischen Er¬ 
fahrungen über die parenterale Wirkungsart eines Eiwei߬ 
gemisches, das Bestandteil unserer täglichen Nahrung ist, 
i. e. der Kuhmilch. Lag einerseits ganz konform den Serum¬ 
wirkungen die Möglichkeit günstiger therapeutischer Effekte 
vor, so schwebte mir andererseits auch der Gedanke einer 
Art von parenteralem „Probefrühstück“ vor, welches einen 
Einbück in konstitutionelle Besonderheiten verschiedener Or¬ 
ganismen eröffnen könnte. Stellt doch die parenterale Ein¬ 
verleibung von Milch ein „inneres“ Verdauungsproblem dar, 
bei 'welchen es nach den herrschenden Anschauungen zur 
Bildung von proteolytischen Antikörpern, von Lipasen und 
sachorolytischen Fermenten kommen muß. 

Die Einverleibung der zirka zehn Minuten lang im Wasser¬ 
bade gekochten Milch erfolgte in einer Durchschnittsdosis 
von 5 ccm intragluteal, unter den zur Vermeidung intra¬ 
venöser Injektion bekannten Kautelen. Bekanntlich verliert 
die Milch ihre allergesierende Fähigkeit auch bei längerem 
Erwärmen auf 100° C nicht, außer wenn die Erwärmung in 
saurem oder geronnenem Zustande erfolgt. Bei sehr zahl¬ 
reichen Injektionen in zirka 43 Krankheitsfällen kam es auch 
nicht in einem einzigen Falle zu irgendwelchen unangenehmen 
oder gar bedrohlichen Zufällen. 

Unter der Voraussetzung der biologischen Formel 
Serum = Milch, wobei natürlich nicht eine Identität, aber 
eine Aehnlichkeit der Wirkungen anzunehmen wäre, ergab 
sich die Indikationsstellung aus den im vorhergehenden mit¬ 
geteilten kurativen Erfolgen der Proteinkörpertherapie über¬ 
haupt. So war ein Versuch gerechtfertigt in Fällen von 
Krankheiten des hämatopoetischen Systems. 

Es wurden unter anderem herangezogen ein Fall von 
schwerer Anaemia perniziosa. 


Es handelte sich um eine 64jährige Frau A. K., welche mit 
einer bedrohlichen Epistaxis zur Aufnahme kam. Zur kurzen Charak¬ 
terisierung diene der Blutbefund vom SO. Oktober 1916 und vom 1. Ja¬ 
nuar 1916. 

80. Oktober: 1184 000 Rote (darunter 920 Normo- und 380 Me- 


g aloblasten), zirka 150 
as. punct. R., zirka 
1100 polychrom. R. 


25% Sahli 
0,96 F. J. 

2320 Weiße 

davon 870 (27,0%) N. 

880 (27,3%) Ly. 

80 (1,0 %) Eos. 

0 (0%) Ma. 

70 (2,3%) Mo. 

450 (14,0%) Myel. und Metam. 

1. Januar: 1 243 000 Rote, darunter 280 Normo-, 120 Megalo- 


29% Sahli 
1,05 F.J. 

8390 Weiße 

davon 2360 (64,4%) N. 

790 (21,6%) Ly. 

40 (1,2%) Eos. 

10 (0,4%) Ma. 

60 (1,6%) Mo. ' 

120 (8,2%) Myel. und Promyel. 


blasten, zirka 40 bas. 
punct. R., zirka 230 
polychromat. R. 

Größenunterschiede 
der Roten weit geringer 
als am Anfang. 


In der Zeit vom 80. Oktober bis 18. Dezember wurden 
acht Injektionen h 5 ccm vorgenommen. Fast ausnahmslos 


Neutro¬ 

phile 


Injektion der Injektion 



kam es zu hohen febrilen Reaktionen noch am Tage der In¬ 
jektion mit Temperaturen bis 40,1° C. 

Während nun bekanntlich die bei Perniziosa oft spontan 
auftretenden febrilen Krisen meist mit Erythrocytenstürzen 
und einer wesentlichen Verschlimmerung des subjektiven Be¬ 
findens einhergehen, zeigte das Blutbild im allgemeinen nach 
diesen Attacken von „Milchfieber“ keine ungünstige Ver¬ 
änderung, subjektiv machte sich vielfach am Tage nach den 
Injektionen eine auffallende Euphorie geltend. Kurve 1 zeigt 
den Anstieg der Neutrophilen und der Lymphocyten am Tage 

nach der Injektion. Nach der 
| PI zweiten Injektion kam es zum 

Lymphe- Große Mo- Auftreten eines Herjies am 
cyten nonucieärc rechten Nasenflügel und an der 
vorder ein Tag nach Oberlippe, wie wir ihn sonst 
nur noch in einem Falle von 
myeloischer Leukämie als Folge¬ 
wirkung einer Milchinjektion 
feststellen konnten. 

Auffallend w ar, wie prompt 
nach der intraglutaealen Milch¬ 
injektion die schwere lebens¬ 
bedrohliche Epistaxis stand, 
mit welcher die Kranke zur 
Aufnahme gelangte! Diese styp- 
tische Wirkung hatten wir auch 
fernerhin in zahlreichen Fällen 
zu beobachten Gelegenheit: so 

„ T , . in einem Falle von schwerer 

Kurve 1. Anna K., 54 J., Anaemia perniciosa. H ä matur jg bei hämorrhagischer 

Aleukie, bei Hämoptöe, bei hämophiler Darmblutung, bei 
Meläna infolge Ulcus duodeni, bei typhöser Darmblutung. 

Ich möchte in diesem Effekts ein vollkommenes Pendant 
sehen zu der bekannten styptischen Wirkung von Serum¬ 
injektionen bei Hämophilie. 

Die auffallend starken pyrogenen Effekte, die wir ganz 
analog dem Verhalten der Perniziosa auch in einem Falle 
von myeloischer Leukämie durch intragluteale Milchinjektion 
erzielten, konnten die Vermutung nahe legen, ob hier nicht 
Defekte vorliegen in den Abwehrvorrichtungen gegenüber 
parenteral eingedrungenen artfremden Eiweißes; und analog 
dem Fehlen von Agglutininen bei an Typhus erkrankten Leu- 
kämikern konnte an ein Ausbleiben von MUchantikörpem 
gedacht werden. Diesbezügliche, unter Kontrolle des hygieni¬ 
schen Instituts (Prof. Bail) vorgenommene Untersuchungen 
ergaben in dem Serum der Perniziosa zwar keine Milch¬ 
präzipitine, dagegen aber intensivste Komplementablenkung 
in einer Stärke, w r elche es imwahrscheinlich erscheinen läßt, 
daß hier eine unspecifische Wirkung vorliegt. 

Weitere Erfahrungen müssen lehren ob, wie ich ver¬ 
muten möchte, die Eigentümlichkeit mit starken pyrogenen 
Effekten auf Milchinjektionen zu antworten, der Perni¬ 
ziosa und den Leukämien in besonderem Ausmaße zu¬ 
kommt und eine biologische Eigentümlichkeit dieser Erkrankung 
darstellt. Auch die Beantwortung der Frage nach einer 
kurativen Wirkung der so auslösbaren Hyperpyrexien muß 
ich vorderhand offen lassen, halte übrigens die Möglichkeit 
einer günstigen Beeinflussung durchaus für gegeben. Das 
Moment der Euphorie nach der rasch abklingenden Hyper- 
pyrexie trat auch in dem Falle von Leukämie deutlich her¬ 
vor. Von Interesse scheint mir der Umstand, daß in einigen 
Fäüen anderweitiger Anämien — es handelte sich um einen 
Fall von Chlorose und vier Fälle von posthämorrhagischer 
Anämie — im allgemeinen nur geringe Temperatursteige¬ 
rungen auftraten, ja in einem Falle stieg die Temperatur 
überhaupt nicht an. 

In ganz auffallendem Gegensätze zu dem Verhalten der 
untersuchten Fälle von Perniziosa und Leukämie, stehen die 
Befunde bei einer Reihe von Magencarcinomen: meist minimale 
oder ganz fehlende Fieberreaktion! Hier etwa nur eine durch 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSUM OF IOWA 




13. Februar. 


1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


175 


Kachexie bedingte Reaktionslosigkeit zu erblicken, möchte ich 
nicht für statthaft halten, da einerseits es sich mehrfach um 
noch nicht kachektische Fälle handelte, andererseits ja bei 
schwerer perniziöser Anämie die Annahme eines kachek- 
tischeii Zustandes viel eher zulässig wäre. Es scheint mir 
vielmehr naheliegend anzunehmen, daß hier Beziehungen be¬ 
stehen zu dem niedrigen „Infektions-Index“ der Carcinom- 
kranken, auf welchen ich (8) hingewiesen habe, sowie zu 
dem eigenartigen refraktären Verhalten von Krebskranken 


B I 0 

Neucro- Lympho- Große Mo- 
pliiJe cyten nonucleäre 


vor der 10 Std. nach 
Injektion der Injektion 



Kurve 2. V. Z., 24 Constlt 
Aohyiie mit Mononucleose. 


I I 0 

Neutro- Lympho- Große Mo- 

phile cyten nonucleäre 


vor der 16 Std. nach 
Injektion der Injektion 


10000 


6000 

4000 

8000 

2000 

1000 



Kurve 3. Anna P., 33 J., Chlorose. 


I 


Die vorstehende Uebersichtstabelle bringt den Beweis, 
daß pyrogene Effekte, wie sie bisher beispielsweise bei 
progressiver Paralyse durch 
große Dosen von Tuberkulin 
(0,01 ccm) in sanierendem 
Sinne angestrebt wurden, sich 
sehr prompt durch parente¬ 
rale Einverleibung von ge¬ 
kochter Milch in Dosen von 


Neutro¬ 

phile 


Lympho- 

eyten 


0 


Größt* Mo- 
noniu-lcäre 


vor der 8 Std nach 
Injektion der Injektion 


Neutro« 

philo 


I 


D 


Lympho- Große Mo- 
eyten nonucleäre 


vor der 7 Std. nach 
Injektion der Injektion 



Kurve 4. Anna J., 18 J., 
Tbc. pulmonum. 



gegenüber Kuhpocken-Vaccine (9). Von den zur Untersuchung 
gelangten acht Fällen von Cardnom reagierten vier nur mit 
Fiebertemperaturen unter 88 °C. 

So weit entzündliche Erkrankungen der serösen Mem¬ 
branen zur Untersuchung gelangten, ergaben sich starke 
pyrogene Effekte, so in einem Falle von Tuberkulosis peritonei; 
in zwei Fällen von Pleuritis erhob sich die Temperatur vom 
normalen Niveau bis 39,8 und 89,3. In all diesen auf pyro¬ 
gene Effekte untersuchten Fällen handelte es sich um afebril 
oder subfebril verlaufende Krankheitsprozesse, sodaß die Be¬ 
urteilung der Fieber erzeugenden Wirkung stets eine ganz 
einwandfreie war. Die nachfolgende Tabelle bemüht sich 
durch Aufstellung von fünf Reaktionsstärken in die erhaltenen 
Ucsultate eine gewisse Ordnung zu bringen; bei wechselndem 
Ausfall der Temperaturreaktionen wurde die Durchschnitts¬ 
leistung zur Klassifikation herangezogen. 


Keaktions- 

starke 


0 

1 sekundäre Anämie 

Temperatur 
unter ;»7 C. 

1 Thomsen 

1 

1 Hysterie 

1* mperatur 

2 Achylia gas tri ca 

3T< x^Cexkl. 

1 Icterus catarrh. 

1 Akromegalie 

1 Chlorose 

2 Posthäm. Anämie 
l Gonitis 

r> Polyarthritis acuta 

1 Arthritis chronica 

4 Magenearcinome 

2 Speiserölimiearci- 

nome 

! l L<*bercareinom 

1 (’arcinom des Perito¬ 
neum 

1 Omilt. Fieber nach 
Pneumonie (Tubcr- 
| kulose?) 


Heaktions- 

stärke 


2 

Temperatur 
38°—39° C exkl. 

2 Lungentuberkulose 

1 gummöse Hepatitis 

1 Hämophilie 

1 Polyarthritis acuta 

1 Gonitis chronica 

1 Amenorrhoe 

3 ! 

Temperatur 
39°—40° C exkl. 

1 Tabes 

2 Pleuritis 

1 Cirrhose der Leber 

1 Leukämie 

1 Careinom der Gallen¬ 
blase mit t'hole- 
lilhinsis 

1 Tubereulosis peri¬ 
tonei 

4 

Temperatur 
40 # —41* C exkl. 

l Anaemia perniciosa 

1 

1 


6 ccm erzielen lassen. Die Milch stellt in dieser Applika¬ 
tionsart ein wirksames pyrogenes Pharmakon dar. 

Das „Milchfieber“ beginnt meist schon wenige Stunden 
nach der Injektion und pflegt in zirka sechs bis acht 
Stunden seine Akme zu erreichen, sodaß bei Injektion in den 
Vormittagsstunden gegen 6 h und 8 h nachmittags die Tem¬ 
peraturgipfel zu erwarten sind. Dort, wo starke Effekte 
erzielt wurden, kann es Vorkommen, daß auch am folgenden 
oder am nächstfolgenden Tage noch leichte Temperatur¬ 
steigerungen bestehen. Die subjektiven Begleiterscheinungen 
sind Kälte- und Hitzegefühl, wobei das Kältegefühl oft voraus 
geht. An das Hitzestadium schließt sich gelegentlich nächt¬ 
licher Schweißausbruch an, sonst wurden manchmal auch 
leichte Kopfschmerzen und etwas Appetitlosigkeit angegeben. 
Ein Schüttelfrost wurde nur in dem Falle der schon be¬ 
sprochenen Anaemia perniciosa beobachtet. Ebenso trat Herpes 
nur in diesem und in einem Falle von myeloischer Leu¬ 
kämie auf. 

Es scheint mir auch von therapeutischen Gesichtspunkten 
nicht ohne Interesse einen vergleichenden Blick zu werfen 
auf das klinische Bild der „Serumkrankheit“ wie es v. P i r q u c t 
und Schick entworfen haben, und auf das Bild der ..Milch¬ 
krankheit“ — sit venia verbo — wie es in unseren Fällen 
sich darbot. 

Es ergeben sich hier ganz auffallend durchgreifende 
Unterschiede. Vor allem vermissen wir das Inkubations¬ 
stadium von sieben bis zwölf Tagen wie es v. Pirquet 
und Schick — allerdings von nicht wenigen Ausnahmen 
abstrahierend ^ für die Serumkrankheit als zu Hecht be¬ 
stehend annehmen. Die volle Milchwirkung tritt noch am 
Tage der parenteralen Einverleibung voll in Erscheinung. 
Weiterhin verdient mit besonderem Nachdruck hervorgehoben 
zu werden, daß anscheinend im Gegensätze zur Ser um Wirkung 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSUM OF IOWA 



176 


1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


13. Februar. 


wenigstens bei der von uns angewendeten Dosierung auch 
bei Reinjektionen in zirka zweiwöchentlichen Intervallen 
keinerlei Phänomene sich ergeben, welche irgendwie den 
Gedanken an anaphylaktische Phänomene nahe legen könnten. 

Bei fortlaufender Injektion in mehrtägigen Intervallen 
ließ sich weder eine Steigerung noch eine Abschwächung der 
Wirkung mit Sicherheit feststellen. Während v. Pirquet 
und Schick in 15 % ihrer Fälle bei Behandlung mit großen 
Dosen (bis 200 ccm Pferdeserum) klinische Zeichen einer Er¬ 
krankung, und zwar auch bei wiederholten Injektionen ver¬ 
mißten, sind die pyrogenen Effekte der parenteralen Milch¬ 
zufuhr in einer Dosis von 5 ccm außerordentlich konstant, 
wenn auch in ihrer Größe schwankend. Liegt es nahe, hier 
an die primär toxische Wirkung von Rinderserum im Ver¬ 
gleiche zu Pferdeserum zu denken, so verdient andererseits 
scharf hervorgehoben zu werden, daß in vollem Gegensätze 
zur Serumkrankheit in dem durch parenterale Milchzufuhr 
ausgelösten Symptomkomplexe sowohl Gelenkschmerzen als 
auch urticarieile Exantheme vollkommen fehlen. Gegenüber 
der symptomatischen Polymorphie der Serumkrankheit bietet 
die „Milchkrankheit“ ein monotones, und von Fall zu Fall 
eigentlich nur quantitativ geändertes Bild: Temperaturanstieg 
hauptsächlich am Tage der Injektion, Kälte- und Hitzegefühl, 
eventuell nächtlicher Schweißausbruch, leichte Cephalalgie, 
auch bei hohen Temperaturen verhältnismäßige Euphorie. 

Wenn eben darauf hingewiesen wurde, daß Gelenk¬ 
schmerzen im Symptomenkomplexe der „Milchkrankheit“ 
fehlen, so bedarf dies einer Einschränkung. Interessanter¬ 
weise kommt es nämlich gelegentlich, aber nur dort, wo chro¬ 
nische Gelenkprozesse bestehen oder akute Gelenkentzün¬ 
dungen eben abgeklungen sind, nach Milchinjektionen zu einem 
Ansprechen der betreffenden Gelenke mit Steigerung der Ge¬ 
lenkschmerzen, welchen aber in einzelnen Fällen eine nicht 
nur relative, sondern auch absolute Besserung kurz darauf 
folgte. Dieses eigenartige Verhalten erinnerte mich lebhaft 
an Beobachtungen, wie ich sie bei chronischen auf Grocco- 
Poncet verdächtigen Gelenkprozessen mehrfach unter Einwir¬ 
kung von Rosenbachschem Tuberkulin, das bekanntlich 
reich ist an unspecifischen Eiweißkörpem, machen konnte. 
Die diagnostische Bedeutung derartiger lokaler Reaktionen 
auf Rosenbachsches Tuberkulin scheint mir hiermit sehr 
in Frage gestellt. 

Dem Verhalten der einzelnen Leukocytenformen wurde 
mehrfach Beachtung geschenkt, und zeigten sich reaktive 
Aenderungen besonders hinsichtlich der Neutrophilen, der 
Lymphocyten und der großen Mononucleären. Im RaJhmen 
dieser Mitteilung mögen nur einzelne Stichproben das Wesent¬ 
liche skizzieren und sei zur kurzen Orientierung auf die 
Kurven 1 bis 5 verwiesen. 

Die Neutrophilen beginnen etwa zwei Stunden nach 
der Injektion anzusteigen und erreichen relativ rasch ihren 
höchsten Wert, auf welchem sie mehrere Stunden stehen 
bleiben, gelegentlich kommt es in diesem Stadium auch zum 
Auftreten von Myelocyten; darauf allmähliches Absinken, 
das sich meist über den nächsten Tag erstreckt. Das Ab¬ 
sinken erfolgt häufig noch unter die Ausgangszahl, sodaß 
am dritten oder vierten Tage nach der Injektion oft Leuko¬ 
penie herrscht. Die Lymphocyten sinken meist ziemlich 
bald nach der Injektion ab und erreichen ihren tiefsten 
Stand dann, wenn die Neutrophilen auf ihrem Gipfel an¬ 
gelangt sind; manchmal aber auch später am nächsten Tage. 
In den folgenden Tagen steigen sie meist zu übernormalen 
Werten an. Das anfängliche Sinken kann fehlen, und es 
kann der Anstieg noch am Injektionstage erfolgen. Die 
großen Mononucleären gehen in ihren Veränderungen meist 
den Neutrophilen parallel oder sie zeigen (selten) keine Ver¬ 
änderung. Es scheint Individuen zu geben, welche besonders 
stark „großmonocytär“ reagieren. Der Gipfelpunkt wird dann 
erst viel später erreicht als bei den Neutrophilen. Der 


höchste beobachtete Wert betrug über 2000 gegenüber zirka 
700 vor der Injektion. 

Eigenartig verhielten sich Fälle mit bestehender Leuko- 
cytose (vergleiche Kurven 4 und 5). Hier erfolgte das in nor¬ 
malen Fällen erst drei Tage nach der Injektion sich ein¬ 
stellende Absinken der Neutrophilen bereits am Tage der 
Injektion oder aber am folgenden Tage, sodaß fast normale 
Werte erreicht werden können. Ein Fall von Anaemia 
perniciosa (Kurve 1) und ein Fall von hämorrhagischer Aleukie 
reagierten lymphocytär, insofern das Ansteigen der Lympho¬ 
cyten das Ansteigen der Neutrophilen an Intensität wesent¬ 
lich übertraf. In dem Falle von hämorrhagischer Aleukie 
blieben die Neutrophilen überhaupt unberührt. Bei weiteren 
Injektionen scheinen die Blutveränderungen eher eine Ab¬ 
schwächung zu erfahren. Ein Parallelisraus zwischen den 
Graden der Blutreaktion und der Fieberhöhe konnte oft 
nicht konstatiert werden. Auch bei wiederholt gespritzten 
Fällen kam es nicht zu Eosinophilie, wie sie sonst hei 
wiederholter parenteraler Zufuhr artfremden Eiweißes gelegent¬ 
lich beobachtet wurde. 

Eine Anregung der Diurese, wie sie von französischen 
Aerzten als Teilwirkung von Serumeinspritzungen notiert wurde, 
schien auch in unseren Fällen gelegentlich stattzufinden. 

In allen Fällen von wiederholter parenteraler Einver¬ 
leibung artfremder Eiweißkörper ist die Ueberwachung der 
Nierenfunktion ein selbstverständliches Postulat. Nur in 
einem einzigen Falle betreffend eine Tuberculosis peritonei 
ließ sich in unseren Fällen eine ganz minimale, vorübergehende 
Albuminurie feststellen. 

Die Gewichtskurve der mehrfach gespritzten Fälle zeigte 
in keinem Falle einen auffallenden Verlauf, gelegentlich kam 
es zu bedeutenden Gewichtszunahmen. So nahm eine Chlorose 
(zehn Injektionen) in der Zeit vom 10. Oktober bis 11. De¬ 
zember um 9 kg zu. 

Da Kuhmilch-Idiosynkrasie gelegentlich mit dem ente- 
ralen Eindringen von Milchantigenen und dem dadurch ausge¬ 
lösten Auftreten specifiseher Antikörper erklärt wurde, ist es 
| vielleicht nicht überflüssig zu betonen, daß in unseren Fällen 
auch nicht in einem einzigen Falle dyspeptische Beschwerden 
| bei Milchgenuß sich einstellten. 

Geachtet wurde auf das eventuelle Auftreten von Milz¬ 
tumoren, wie sie M a 11 h e s nach Deuteroalbumosen- 
injektionen beobachtet hat; ganz einwandfreie Befunde 
konnten diesbezüglich nicht erhoben werden. 

Infektionserkrankungen wurden bisher nicht in den 
Bereich der Untersuchungen einbezogen, da ja auf diesem 
Gebiete sowohl die Beurteilung des pyrogenen Effektes als 
auch die Beeinflussung des Blutbildes bei der stets gegebenen 
Möglichkeit von Interferenzwdrkungen jener Sicherheit ent¬ 
behrt, wie sie afebrile und mehr minder stationäre Erkrankungen 
bieten. In einem Falle von Typhus stand eine heftige Dann¬ 
blutung immittelbar nach einer Milchinjektion, eine styptischc 
Wirkung, welche wir bisher schon zu w iederholten Malen in Fällen 
schwerer innerer Blutungen zu beobachten Gelegenheit hatten. 

Da die parenterale Applikation von Milch zweifellos auch bei 
febrilen Erkrankungen als temperatursteigerndes Agens wirk¬ 
sam ist und Versuche L ü d k e s (10) gezeigt haben, daß 
durch künstliche Hyperthermie Antikörperbildung angeregt, 
beschleunigt und gesteigert werden kann, so scheint mir 
durchaus die Möglichkeit gegeben, auch durch Milchinjektionen 
analog der Wirkungsweise einer unspecifischen Serumtherapie. 
Deuteroalbumosenbehandlung usw. Heileffekte zu erzielen 1 ). 

Zusammenfassend sei vorläufig 2 ) besonders auf folgende 
Gesichtspunkte verwiesen. 

l ) Nach Absendung des Manuskriptes am 10. Januar erschien 
eine Arbeit von P. S a x 1 (W. ra. W. S. 110), in welcher der Autor 
unter Hinweis auf einen am 10. Dezember 1915 gehaltenen Vortrag 
über günstige Erfolge von Milchinjektionen bei Typhus berichtet. 

-) Eine ausführliche Mitteilung soll in der Zschr. f. klin. Äl. 
erfolgen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITÄT OF IOWA 



13. Februar. 


1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7. 


177 


1. In Dosen von 6 ccm parenteral ein verleibt, läßt sich 
durch gekochte Milch mit großer Regelmäßigkeit künstliches 
Fieber erzeugen. 

2. Die Intensität der so erzeugten Hyperthermie scheint 
bis zu einem gewissen Grade abhängig zu sein von der Art 
des jeweiligen Krankheitsprozesses, in dem beispielsweise 
gewisse Bluterkrankungen, so perniziöse Anämie und Leuk¬ 
ämie nach unseren bisherigen Beobachtungen maximal an¬ 
sprechen, während Carcinome, besonders Magencarcinome, 
im allgemeinen ein refraktäres Verhalten zeigen. 

3. Der Anwendungsbereich von Milch als Pharmakon 
dürfte sich decken mit dem Indikationsbereich der Protein¬ 
körpertherapie überhaupt und so sich unter anderem er¬ 


strecken auf Fälle von Hämophilie, Anämie, progressiver 
Paralyse, Neoplasmen, chronischer Arthritis, Infektions- 
pozessen. 

4. Nach unseren bisherigen Erfahrungen bewährt sich 
parenterale Milchzufuhr bestens als Stypticum bei inneren 
Blutungen. 

Literatur: 1. M. Matthes, D. Arch. f. klin. Med. 1895, Bd. 54. — 
2. R. Kraus, W. kl. W. 1915, S. 29. — 3. H. Lüdke, M. m. W. 1915, 
Nr. 10. — 4. v. Wagner, W. m. W. 1909, Nr. 37. — 5. v. Pirquet und 
Schick, Die Serumkrankheit. (F. Deuticke 1905.) — 6. F. Hamburger, 
Arteigenheit und Assimilation. (F. Deuticke 1903.) — 7. C. Noreschi, 
Ztschr. f. Immun. Forsch. 1914, Bd. 21.— 8. R. Schmidt, M. Kl. 1910, Nr. 43. 
— 9. Derselbe, Verhandlungen der Gesellschaft deutscher Naturforscher 
und Aerzte. (85. Vers., 1913, 2. Teil, 2. Hälfte, S. 222.) — 10. H. Lüdke, 
Erg. d. Inn. M. 1909, Bd. 4. 


Berichte Ober Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren. 


Aus dem Pathologisch-anatomischen Institut der Deutschen Uni¬ 
versität in Prag. 

Zu den Infektionen mit fusiformen Bakterien 

von 

Prof. A. Ghon und Assistent B. Roman. 

Die Bedeutung der sogenannten fusiformen Bak¬ 
terien für den Menschen ist dem praktischen Arzte von dem 
als Angina Vincenti bekannten Krankheitsbilde her bekannt. 
Im allgemeinen weniger bekannt ist es, daß solche Bakterien 
auch sonst, vor allem bei gangränösen Prozessen, oft zu finden 
sind und daß ihnen zweifellos eine größere Bedeutung zu¬ 
kommt, als bisher angenommen wurde. Der Umstand, daß 
die größere Mehrzahl der Infektionen, wo solche Bakterien 
gefunden werden, Mischinfektionen oder Sekundärinfektionen 
mit mehreren Arten sind und daß es sich bei den fusiformen 
Bakterie» um streng anaerobe Arten handelt, die zum 'Feil 
besondere Ansprüche an die Nährböden stellen, ist gewiß in 
erster Linie schuld daran, daß unsere Kenntnisse über die 
Bedeutung dieser Formen bisher noch immer lückenhafte sind. 
Soviel scheint aber sicher, daß wir es auch bei den fusiformen 
Bakterien nicht mit einer einzigen Art zu tun haben, daß 
vielmehr auch diese Bakterien mehreren, untereinander wohl 
verwandten, aber doch verschiedenen Arten angehören, was 
auch M ü h 1 e n s und Gins vertreten. 

' In den letzten Jahren wurde in einer Reihe von Arbeiten 
insonderheit auf die Bedeutung der fusiformen Bakterien hei 
pyämischen Prozessen hingewiesen. R. M a r e s c h hat un¬ 
längst die bisher bekannt gewordenen Fälle durch mehrere 
eigene wertvolle Beobachtungen erweitert, deren erste auf 
das Jahr 1906 zurückreicht. Auch aus der Mitteilung von 
M a r e s c h geht hervor, daß unter diesen Infektionen augen¬ 
scheinlich eine Gruppe herauszugreifen ist, hei der ein 
morphologisch durch sein besonderes Aussehen gekennzeich¬ 
netes Gram negatives Bakterium gefunden werden kann, 
nicht nur im Vereine mit anderen Bakterienarten, sondern 
auch allein, ohne nachweisbare andere Formen. 

Die Stellung dieser Art zu anderen fusiformen Bakterien 
ist aus den Angaben in der Literatur über Befunde von fusi¬ 
formen Bakterien beim Menschen nicht immer ersichtlich. 
Zu den Fällen, wo zweifellos solche Formen allein oder mit 
anderen Bakterien gefunden wurden, gehören neben den 
Fällen 1 und 3 sowie wahrscheinlich auch dem Falle 2 von 
Maresch die Fälle von Ghon und M u c h a , desgleichen 
die von Kaspar und Kern. Ob der von Rosenow 
und T u n i c 1 i f f beschriebene Fall hierher gehört, können 
wir nicht sicher entscheiden, da in dem uns zugänglichen 
Referate keine Angaben über peitschenartige und kravatten- 
ähnliche Formen zu finden sind. Wir können jedoch die 
Identität auch nicht ausschließen. Das gleiche gilt von den 
Fällen, die G. F. Dick mitgeteilt hat, die übrigens alle 
Mischinfektionen betrafen, und von den Fällen von 
W. H. Peters. 


Im Jahre 1914 hatten wir neuerlich Gelegenheit, zwei 
Fälle zu beobachten, wo die erwähnte fusiforme Bakterienart 
nachgewiesen wurde, und zwar in Reinkultur. Sie seien hier 
mitgeteilt. Ueber Fall 1 wurde schon in der Sitzung der 
wissenschaftlichen Gesellschaft deutscher Aerzte in Böhmen 
vom 24. April 1914 kurz berichtet. 

In beiden Fällen hatte die Infektion augenscheinlich 
ihren Ausgang vom Darme genommen und zu zahlreichen 
Leberabscessen geführt. Im ersten Falle war die Pathogenese 
des Falles klar: die Eingangspforte der Infektion lag im 
Rectum, hatte hier einerseits zu einer Periproktitis und 
retroperitonealen Phlegmone geführt, andererseits zu einer 
Thrombophlebitis der Vena mesaraica inferior und Vena 
portae mit Zahlreichen Leherabsessen und einem Ahsceß der 
Gallenblasenwand. Die Periproktitis mit der retroperitonealen 
Phlegmone hatte zu einer umschriebenen, die Perforation 
eines Leberabscesses zu einer diffusen Peritonitis Anlaß ge¬ 
geben. Auch der zw eite Fall zeigte zahlreiche Leberabscesse, 
deren Ausgang aber nicht so sicher war als im ersten Falle. 
Zwei Organe kamen dafür in Betracht: die Gallenblase und 
der Darm. Die Cholecystitis mit der Cholelithiasis hot das 
Bild der gewöhnlichen Veränderungen solcher Prozesse, sodaß 
es unwahrscheinlich erschien, hier den Ausgang suchen zu 
müssen. Anatomisch sprach alles’ mehr für den Darm als 
Ausgang, doch mußte es offen gelassen werden, ob es der 
schon abgelaufene ulceröse Prozeß im untersten Ileum und 
an der Klappe war, der dafür verantwortlich gemacht 
werden durfte, oder das ulcerierte Carcinom des Rectums, 
nachdem das typische peptische Geschwür im Duodenum 
kaum in Betracht gezogen werden konnte. Der Weg' war 
anatomisch hier nicht so 
schön vorgezeichnet wie 
im ersten Falle. Sicher 
handelte es sich also im 
ersten Falle, fast sicher 
auch im zweiten Falle um 
pylephlebitische Abscesse 
der Leber. 

Was uns hei beiden 
Fällen aber besonders 
wuchtig erschien, war die 
Tatsache, daß in beiden 
Fällen nur die Gram- 
negativen, meistens faden¬ 
förmigen Bakterien in ihren 
so auffallenden und un¬ 
verkennbaren peitschen¬ 
artigen und kravatten- 
artigen Formen bakterio¬ 
logisch nachweisbar waren (Ahb. 1). Fs w r ar uns in beiden 
Fällen gelungen, sie in Reinkultur zu züchten, und zwar 
nur in serumhaltigen Kulturen unter streng anaeroben 
Verhältnissen. Daß andere Mikroorganismen nicht nach- 



Abb. 1. 

Fall I Aus dem Ausstrichpräparate von der 
Thrombophlebitis der Vena mesaraica inferior. 


Digitized by Goosle 


Original frorri 

UNIVERSUM OF IOWA